Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Pilze’

Mit Kunstobjekten aus Pilzen möchte die Berliner Biotechnologie-Professorin Vera Meyer den Blick hinter das Offensichtliche lenken, aber gleichzeitig in der Öffentlichkeit auch mehr Interesse über das enorme Potenzial von Pilzen wecken.


Iyora I (Bild: V.meer)

Eine Steilwand, ein Riff mit abblätterndem Gestein; unwillkürlich sucht der Blick nach dem Meer, das diese Struktur geformt haben könnte. Oben neben einem schroffen Felsen ein sanftes Tal; an den Rändern schmiegen sich weiche goldene Formen an den braunen Untergrund und ergießen sich auf der anderen Seite in eine Schlucht. Man möchte eintauchen in diese Landschaft und erkunden, was sich in den Winkeln und Nischen verbirgt. Doch hier kann man nicht spazieren gehen, es ist keine Insel, die aus dem Meer aufragt oder eine Bergformation über Almwiesen, sondern ein von Pilzen besiedeltes Baumstück.

Die Berliner Biotechnologie-Professorin Vera Meyer hat daraus ein Kunstwerk geschaffen. „Über Jahre hinweg lag an unserer Lagerfeuerstelle ein toter Stamm einer Birne fast unverändert“, erzählt sie. „Im regenreichen Sommer 2017 wurde er jedoch binnen kürzester Zeit von Pilzen besiedelt und zersetzt.“ Im Titel der Skulptur „Iyora I“ verbirgt sich gleichzeitig, was sie in dem Werk sieht: 2018 war IYOR das International Year of the Reef, und tatsächlich kann man auch Anklänge an ein Korallenriff in den Strukturen des Holzes und der Pilze entdecken.

Unter dem Namen V. meer ist Vera Meyer schon länger künstlerisch aktiv. Jedes Jahr zieht sie sich für zwei Wochen an einen Ort zurück, wo sie sich ganz auf die Kunst konzentrieren kann. Nachdem sie sich mit verschiedenen Ausdrucksformen – Malerei, Plastik, Zeichnungen – beschäftigt hat, hat sie 2016 Pilze als Kunstobjekte für sich entdeckt. Während eines Sabbaticals im vergangenen Jahr hatte sie die Möglichkeit, sich noch intensiver damit zu beschäftigen und für sich Wege auszuprobieren, wie sie ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit Hilfe künstlerischer Mittel „ein Bild geben kann“.

Denn auch beruflich arbeitet Vera Meyer mit Pilzen, allerdings bisher hauptsächlich mit Schimmelpilzen. „Bei Schimmelpilzen denken die meisten Menschen an Verwesung oder Ekliges – alles nicht besonders sexy. Waldpilze und Baumpilze dagegen, begeistern viele Menschen.“


Growth and decay series (2017) (Bild: V.meer)

Die Idee, sich künstlerisch mit Pilzen auseinanderzusetzen, kam ihr angesichts der Bronzefigur „Kleine Tänzerin“ von Edgar Degas. „Ich stand vor der Skulptur einer trotzigen Balletttänzerin aus Bronze, Seide und Tüll auf einem Holzsockel. Sie war schön, stolz und unnahbar. Das Tutu erinnerte mich an einen Waldpilz mit einem Hut aus Lamellen. Es begann in mir zu arbeiten und ich ging der Frage nach, wie ich aus Pilzen Skulpturen schaffen könnte, die sie in Szene setzen oder durch Verfremdung – einer Art Metamorphose – gar eine neue Figur werden ließen. Durch die Mittel der Bildhauerei erhoffte ich, die Schönheit der Pilze sichtbar zu machen.“ Dabei trennt sie nie zwischen dem „wissenschaftlichen“ und dem „künstlerischen“ Blick: „Wenn ich einen Schimmelpilz unter dem Mikroskop anschaue, beeindruckt und ergreift mich das immer wieder. Die morphologischen Strukturen, die sich aus pilzlichen Mycelwachstum ergeben sind einfach wunderschön.“  Und was ist aus ihrer Malerei geworden? „Ich habe mich in der Malerei an meinen künstlerischen Vorbildern wie Mark Rothko, Jackson Pollock und Gerhard Richter abarbeiten und reifen können. Jetzt bin ich soweit, etwas zu schaffen, das ganz für mich steht.“

Doch die Begeisterung für Pilze als Kunstwerke geht über das rein Ästhetische hinaus: Für V. meer lenken Pilze den Blick auf das Geheimnisvolle, Unsichtbare. „Pilze wachsen unter der Erde und werden nur im Herbst mit ihren Fruchtkörpern für ein paar Wochen für uns sichtbar, aber eigentlich sind sie immer da. Pilze sind die kleinsten aber auch die größten Organismen auf dieser Erde. Und sie sind widersprüchlich: Sie können Tod und Verderben bringen, krank machen und Halluzinationen verursachen, aber andererseits sind sie auch wichtige Zellfabriken für unsere Antibiotika, Arzneimittel, Lebensmittel und essentiell für eine grüne Chemie.“ Menschen neigten dazu, sehr schnell zu entscheiden, wie etwas ist, oder nicht ist. Mit ihren Arbeiten will V. meer anregen, einen zweiten oder gar dritten Blick auf die Dinge zu wagen und dazu anregen, hinter die Kulissen zu schauen.

Durch die Arbeit an den Skulpturen hat sich auch verändert, welche Rolle die Kunst für sie spielt. „Am Anfang war Kunstschaffen für mich als etwas Meditatives gedacht, als eine Art Gegenentwurf zu meiner wissenschaftlichen Arbeit – ich ließ die Hände arbeiten, nicht den Kopf. Es war herrlich und befriedigend, wenn aus dem Prozess heraus etwas Kunstvolles entstand.“, beschreibt sie ihr Verhältnis zur Kunst. Doch während sie in der Vergangenheit eher „für sich“ gemalt hat, möchte sie nun mit den Pilzkunstwerken auch andere Menschen erreichen. Dafür sammelt sie Pilze, Holz und Metall, alles was ihr der Wald bietet, und verbindet diese Materialien zu mal mehr, mal weniger stark verfremdeten Skulpturen. „Mal sehe ich einen Pilz und denke: Der ist schon fertig, den kann ich so wie er ist bereits zeigen. Oder aber ich erkenne, das etwas anderes in dem Fundstück verborgen ist, welches ich versuche herauszuarbeiten. So verändern Pilze ihre Form und durchleben, obwohl sie tot sind, eine Metamorphose.“ Ihre neueste Serie ist von Göttermythen der Skythen inspiriert, ein Reitervolk am Schwarzen Meer, bei dem Herodot den Ursprung der Amazonen verortete.

„Ich vermute, dass die Wurzeln meiner Vorfahren dort liegen. Um die Jahrtausendwende wurden die ersten Skythengräber entdeckt, in denen auch weibliche Kriegerinnen bestattet waren. Man weiß wenig über die Skythen, wie sie aussahen und wie sie gelebt haben. Jedoch sind viele Mythen mit ihnen verbunden. Ich sehe hier viele Analogien zu den Pilzen. Wir können nur Weniges über sie mit Sicherheit sagen, wir stehen noch am Anfang ihre Biologie zu entziffern aber sie ziehen viele Menschen fast mysthisch in ihren Bann. Ich fange daher nun einfach an, Geschichten zu erzählen. Über Skythen und Pilze“ sagt V. meer.

Einige ihrer Kunstwerke hat sie mittlerweile auch an ihrem Arbeitsplatz stehen. Darüber kommt sie mit vielen Menschen ins Gespräch. „Für mich hat sich so ein neues Fenster geöffnet über das zu berichten, was wir in der Wissenschaft tun. In einer Art und Weise, die auch dazu inspiriert, in neue Richtungen zu denken.“

Ihre nächsten Vorhaben? „Wir arbeiten in einem Citizen-Science-Projekt mit dem Art Laboratory Berlin zusammen, um Pilzbiotechnologie und Kunst zusammenzuführen.“ Dabei befruchten sich Wissenschaft und Kunst gegenseitig: „Das Citizen-Science-Projekt adressiert reinste Bioökonomie – wie können wir mit Hilfe von Baumpilzen aus pflanzlichen Abfällen, d.h. aus Lignin und Cellulose, neuartige Materialen biotechnologisch gewinnen.“ Denn in ihrer wissenschaftlichen Arbeit will sich Vera Meyer zunehmend mit dieser Thematik beschäftigen. Und für den nächsten Sommer hat sie schon Pläne für neue Pilzskulpturen: „In der Kunst kann ich wahrhaft spinnen, in der Wissenschaft geht das nicht.“ Aus beiden Perspektiven kann sie erforschen, was Pilze tun und wofür sie stehen – „mir purzeln die Fragen entgehen, das ist großartig!“ Und sie träumt davon, ihren Kunstwerken einen Rahmen zu geben, der ihrer würdig ist – eine Ausstellung, in denen Raum und Licht die ganze Vielfalt und Charaktere der Pilzskulpturen erstrahlen lassen.

Mehr über die Arbeit von V.meer und über Kunst und Biotechnologie allgemein gibt es bei der Frühjahrstagung der Biotechnologen am 25. und 26. Februar 2019 – außerdem den Hochschullehrer-Nachwuchspreis, den Preis des Zukunftsforums und jede Menge Zeit fürs Networking – melden Sie sich jetzt an!

Read Full Post »