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Posts Tagged ‘nachwachsende Rohstoffe’

Im ersten Teil des Interviews mit Dr. Peter Ripplinger ging es um aktuelle und zukünftige Märkte für Produkte aus Mikroalgen. Im zweiten Teil steht die energetische Nutzung im Mittelpunkt.

Wie sehen Sie die Zukunft der energetischen Nutzung?

Nach wie vor gibt es sicher langfristig Konzepte, bei denen man die energetische Nutzung mit der stofflichen Nutzung koppeln kann. Biofuels werden nur im Kontext einer Bioraffinerie und der Nutzung des Proteinanteils für Futtermittel oder ähnliches umzusetzen sein. Die finanzielle Förderung der EU war dennoch gut angelegtes Geld: Die Unterstützung zur Entwicklung von  Biofuels hat sehr geholfen, die Technologie zu skalieren und dadurch  viele Fragestellungen zur Absenkung der Investitionskosten und –Betriebskosten zu klären. Ich erinnere nur an die mögliche Nutzung von Rauchgasen; wir haben in mehreren Projekten gezeigt, dass das ein gangbarer Weg ist, um die Produktionskosten auch für Futtermittel für die Aquakultur oder andere Anwendungen maßgeblich abzusenken, und das hatte ursprünglich die Biofuel-Produktion zum Ziel.

Besonders die Flüge mit Algenkerosin haben viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Wie bewerten Sie diese Technologie?

Wenn ich das gesamte Optimierungspotenzial summiere, das sowohl im biologischen- und  Produktionssystem als auch in der Aufarbeitung liegt, kann es Wege dahin geben. Das heißt, dass ich die biologische Optimierung konsequent umsetzen und durch gentechnische Maßnahmen die Photosynthese-Effizienz und ggf. auch den Lipidgehalt optimieren muss. Dazu kommt die Frage der Aufarbeitung. Es könnte sein, dass die Nutzung der gesamten Algenbiomasse über Hydrothermal Liquefaction im HTL-Verfahren einen gangbaren Weg darstellt – immer unter der Voraussetzung, dass auch der Ölpreis gewaltig ansteigt und die Schere sich schließt. Ich will das nicht ausschließen, aber es ist sicherlich ein langer Weg.

Lesen Sie im 3. Teil des Interviews am 24.7.2017, wie die deutsche Algenbiotechnologie im internationalen Vergleich dasteht.

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RipplingerAm 11. und 12. September 2017 findet der 10. Bundesalgenstammtisch statt. Das zehnjährige Jubiläum gibt Anlass für einen Rück- und Ausblick im Interview mit Dr. Peter Ripplinger, stellvertretender Vorsitzender der DECHEMA-Fachgruppe Algenbiotechnologie und Geschäftsführer der Subitec GmbH.

 

Wie hat sich die Algenbiotechnologie in den letzten zehn Jahren entwickelt?

In den letzten zehn Jahren hat eine gewisse Skalierung stattgefunden: Raus aus dem Labor, hin zu Pilotanlagen und dort, wo schon Märkte existieren, auch in die Produktion.

Ein ganz großer Trend ging weg von der energetischen und hin zur stofflichen Nutzung. Vor zehn Jahren stand das Thema Biofuels national und international noch ganz weit oben auf der Agenda. Auch die europäische Community hat sich zuerst mit mehreren großen EU-Projekten und dem nationalen Projekt AUFWIND auf dieses Thema konzentriert. Dadurch entstanden unter anderem in Portugal und Spanien große Anlagen, und man konnte die Möglichkeiten der Skalierung für verschiedene Systeme vom geschlossenen Reaktor bis zum Open Pond austesten. Dazu hat man wichtige Aufgabenstellungen wie Medienrecycling, Rauchgasnutzung, eine Erhöhung des Automatisierungsgrades bearbeitet; man lernte in der Prozessführung dazu und ebenso beim Umgang mit Kontaminationen – alles zusammen führt dazu, dass sich die Technik enorm weiterentwickelt, und das ist wichtig für die Senkung der Produktionskosten – und damit auch für die Erschließung neuer Anwendungsfelder.

Was sind heute und in naher Zukunft die wichtigsten Märkte?

Es gibt ganz klar einen existierenden Markt im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel, ob Astaxanthin, Omega-3-Fettsäuren oder „Ganzalgen“ – also Spirulina oder die neue ökozertifizierte Chlorella. Dieser Markt entwickelt sich sehr positiv – diese Entwicklung wird in jüngster Zeit auch – durch die Normungsaktivitäten von CEN und DINunterstützt. Es zeichnet sich zudem ab, dass durch die Überarbeitung der Novel-Food-Verordnung die Zulassung von Algen als Nahrungsergänzungsmittel erleichtert wird. Bisher war das eine hohe Hürde, denn die Firmen im Algenbereich sind meist klein; die Zulassung ist mit hohen Kosten verbunden und der mangelnde Schutz vor Nachahmern führt zu einer starken Unsicherheit.

Ein weiterer Markt, der beständig wächst und in dem sich Algen schon gut etabliert haben, ist die Aquakultur. Bisher nicht industriell genutzte Mikroalgen werden zunehmend in der Larvenaufzucht bei neuen Fischarten eingesetzt. Synthetisches Astaxanthin, das bisher in der Lachszucht für die Rotfärbung sorgt, kann nun auch aus der Mikroalge Hämatococcus pluvialis auf natürliche Weise gewonnen werden um die Märkte für Biofisch zu erschließen. Evonik und DSM haben im März 2017 ein Joint Venture zur heterotrophen Produktion von Algenöl gegründet, um das knapper werdende Fischöl in der Lachszucht zu ersetzen. Viele Algenfirmen, gerade aus dem ehemaligen Biofuel-Sektor,  arbeiten auch an der photoautotrophen Produktion von Algen als Futtermittel.

Der dritte Bereich sind Nischen im Bereich der Kosmetik und vielleicht mittelfristig auch im Pharmabereich. Die Proteinproduktion in Algen hat wegen der Glykosilierungsmuster Vorteile gegenüber tierischen Zellen; diese Arbeiten sind aber noch im Entwicklungsstadium.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, welche Perspektiven für die energetische Nutzung von Mikroalgen bestehen.

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220px-CSIRO_ScienceImage_2970_Collection_of_microalgae_cultures

Kollektion von Mikroalgenkulturen [von CSIRO, CC BY 3.0 https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35475348

Mikroalgen sind eine wichtige Säule einer zukünftigen Bioökonomie, denn sie produzieren ohne Konkurrenz zu landwirtschaftlichen Flächen eine große Vielfalt hochwertiger Produkte. Um diese Potenziale voll auszuschöpfen, bedarf es allerdings nicht nur gezielter Forschung und Entwicklung, sondern auch geeigneter politischer Rahmenbedingungen. Was genau zu tun ist, stellt die DECHEMA-Fachgruppe Algenbiotechnologie In ihrem neuen Statuspapier „Mikroalgen-Biotechnologie: Gegenwärtiger Stand, Herausforderungen, Ziele“ vor. Entlang der Wertschöpfungskette von der Algenanzucht bis zum Produkt beschreiben die Experten, welche Verfahren heute im Einsatz sind, welche Herausforderungen bestehen und wie diesen begegnet werden kann. Dabei diskutieren sie auch die gesellschaftliche Relevanz und beleuchten Chancen, die sich für Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern durch den Mikroalgenanbau bieten.

Vor einigen Jahren waren Mikroalgen als Klimaretter in aller Munde. Als die ersten Flugzeuge testweise mit Algen-Kerosin abhoben, berichteten die großen Tageszeitungen ausführlich über die kleinen Hoffnungsträger. Inzwischen ist es in der Öffentlichkeit wieder etwas ruhiger geworden. Das heißt aber nicht, dass sich bei den Mikroalgen nichts getan hätte – im Gegenteil.

Allerdings sind sich die Experten inzwischen darüber einig, dass die ausschließliche Erzeugung von regenerativen Kraftstoffen mit Algen aus Gründen des Klimaschutzes und der Wirtschaftlichkeit derzeit nicht sinnvoll ist. Die Forschung konzentriert sich daher in weiten Teilen auf hochwertigere Produkte aus Algen. Beispiele sind Nahrungsergänzungsmittel, Inhaltsstoffe für Pharmazeutika und Kosmetik oder wertvolle Futtermittel für Fischzucht und Landwirtschaft. In Kombination mit der Nutzung der Rest-Algenbiomasse zur Energiegewinnung sind reizvolle Konzepte für sogenannte „Algenbioraffinerien“ vorstellbar, die auf Basis von Algen eine Vielzahl unterschiedlicher Produkte liefern.

Um diese Potenziale voll auszuschöpfen, bedarf es einer gezielten Weiterentwicklung auf allen Stufen der Wertschöpfungskette. Von den geschätzt mehr als 100.000 Algenarten sind weniger als 10.000 klassifiziert, und nur etwa 20 Mikroalgenarten werden bislang wirtschaftlich genutzt. Hier schlummert ein Schatz an Naturstoffen und möglichen Produzenten, die durch Kultivierung nutzbar gemacht werden könnten. Für die Anzucht der Algen werden geschlossene Reaktoren mit Licht-durchlässigen Wandungen eingesetzt, damit die Organismen das einfallende (Sonnen-)Licht zum Wachstum nutzen können. Neue transparente Kunststoffe könnten erhebliche Verbesserungen bringen. Da die Aufarbeitung, also „Ernte“ und „Trocknung“ der Mikroalgen, heute immer noch den Löwenanteil der Energie verbraucht, empfehlen die Experten eine verstärkte Zusammenarbeit von Universitäten und Unternehmen, um diesen Schritt zu verbessern.

Ist ein Verfahren erst einmal im Labor entwickelt, muss es im größeren Maßstab getestet und verbessert werden. Doch Demonstrationsanlagen dafür sind bisher in Deutschland zu wenige vorhanden. Auch zum Aufbau von Produktionsanlagen fehlen den häufig kleinen und jungen Unternehmen die Mittel; Fördergelder für die Prozessentwicklung bis in den Demonstrationsmaßstab, ein freundliches Investitionsklima und einfachere Kontakte zu Geldgebern könnten helfen.

Profitieren können davon am Ende nicht nur die Industrieländer. In einigen Regionen Afrikas wie Kenia, Mauretanien und Madagaskar gibt es schon heute Versuchsanlagen für die Produktion von Proteinen zur Ernährungssicherung. Das Beispiel zeigt, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit ist; dabei sollen sowohl Industrieländer untereinander kooperieren als auch mit Ländern, die dank ihrer klimatischen Rahmenbedingungen besonders gute Voraussetzungen für den Algenanbau bieten.

Das Papier steht unter http://dechema.de/studien.html zum kostenlosen Download zur Verfügung.

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Lignin in der Synthese nutzen – geht das? Jochen Michels antwortet im Interview http://ow.ly/FTLsT

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BIOTIC-FINALDas EU-Projekt BIO-TIC hat drei umfangreiche Roadmaps zur Marktsitutation, technologischen und nicht-technologischen Hürden für die industrielle Biotechnologie veröffentlicht. Sie liefern Anregungen, wie Innovationshemmnissen beseitigt werden können, dieeiner vollen Entfaltung der industriellen Biotechnologie in Europa entgegenstehen. Die Roadmaps können auf derPartnering-Plattform des BIO-TIC- Internetportals heruntergeladen werden(www.industrial-biotechnology.eu).

„Diese Roadmaps geben einen guten Überblick über die Herausforderungen, vor denen die industrielle Biotechnologie heute in Europa steht. Darüber hinaus werden auch einige Lösungswege gezeigt, um Europa bis 2030 zur weltweit führenden Region auf dem Gebiet der industriellen Biotechnologie zu machen“, sagt Claire Gray, BIO-TIC Projekt-Koordinator, EuropaBio. „Trotz der vielen gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Vorteile bestehen Barrieren, die die Entwicklung der industriellen Biotechnologie in Europa hemmen“.

BIO-TIC wurde im September 2012 gestartet. Ziel des Projekts ist, Innovationshemmnisse in der industriellen Biotechnologie in ganz Europa zu identifizieren, zu prüfen und deren Ursachen zu verstehen, um Aktionspläne zu ihrerÜberwindung zu formulieren. Nach umfangreichenLiteraturrecherchen, der Befragung von mehr als 60 Experten und achtregionalen Workshops sind nun drei Roadmaps zu „Marktpotenzialen“, „F & E-Schwerpunkten“ und „nicht-technologische Hemmnisse von Innovationen“ der industriellen Biotechnologie veröffentlicht worden.

Die Markt-Roadmap gibt für fünf ausgewählte Geschäftsfelder in der industriellen Biotechnologie einen Überblick über den aktuellen europäischen Markt sowie Marktprognosen bis 2030. Um das Potenzial von Produktsegmenten zu erkennen und Marktbarrieren überwinden, „ist es wichtig, dass die Stimme der bio-basierten Industrie gehört wird“, sagt Anna Saarentaus von Pöyry und Leiterin der Markt-Roadmap.

Die Technologie-Roadmap liefert einen Einblick in die F & E-bezogenen Barrieren, die einer vollständige Realisierung des europäischen Marktpotenzials der industriellen Biotechnologie im Jahr 2030 entgegenstehen. Darüber hinaus versucht die Roadmap Prioritäten in Bezug auf F & E und andere Maßnahmen zu setzen, um diese technologiebezogenen Hürden zu überwinden. „Gerade in den Bereichen Biokonversion und Rohstoff-Versorgung sollten die größten F & E-Anstrengungen unternommen werden“, erörtert Elsbeth Roelofs von TNO und Leiterin der Technologie-Roadmap.

Die nicht-technologische Roadmap identifiziert rechtliche und nicht-technologische Hemmnisse, die die Nutzung der Marktchancen blockieren, welche in der Markt-Roadmap identifiziert wurden. Dirk Carrez, Leiter der nicht-technologischen Roadmap, Clever Consult, sagt dazu: „Innovationen werden nur stimuliert, wenn der passende rechtliche und politische Rahmen vorhanden ist. Deshalb ist die Identifizierung der rechtlichen und nicht-technologischen Barrieren, die Innovationen in der industriellen Biotechnologie blockieren können sowie die Darstellung möglicher Lösungen für Schlüssel-Markteintrittsbarrieren ein wichtiger Bestandteil des BIO-TIC-Projektes“.

Obwohl sich die Roadmaps noch im Entwurfs-Status befinden, „glauben wir, dass es jetzt entscheidend ist, sie der Fachöffentlichkeit der industriellen Biotechnologie zur Verfügung zu stellen; nicht nur, um die vorgeschlagenen Empfehlungen auf den Prüfstand zu stellen, sondern auch, um neue innovative Ideen zu erfassen. So kann Europa in die Lage versetzt werden, das volle Potenzial dieser umwälzenden Technologie zu erfassen und damit einwettbewerbsfähiger und florierender Ort zu werden“, schließt Gray.

Pádraig Naughton, Cefic, sagt, dass „diese Roadmaps identifizieren die wichtigsten Hemmnisse, die derzeit das Wachstum der Biotechnologie in die Prozess-Industrie begrenzenund zeigen erste Lösungen auf. Wir bitten die Leser ihreAnsichten zu äußern und uns ein Feedback zu geben, um die endgültige integrierte Roadmap so umfassend wie möglich zu machen“.Die endgültige BIO-TIC-Roadmap und die Empfehlungen werden im Jahr 2015 veröffentlicht. Diese werden dieZusammenhänge zwischen den potenziellen Marktentwicklungen, dem F & E-Bedarf und den rechtlichen- und nicht-technologischenAspekten sowie ihre Auswirkungen auf Innovationen in der industriellen Biotechnologie darstellen.

Der weitere BIO-TIC-Roadmapping-Prozess hängt allerdings auch von der Mitwirkung der Branche ab. Daher ruft das BIO-TIC-Projekt-Konsortium Vertreter der beteiligten Interessensgruppen auf, ihre Kommentare und Beiträge bis Ende August 2014 an bio-tic@europabio.org zu senden.

Alle BIO-TIC-Roadmaps können über das Webportal abgerufen werden: http://www.industrial-biotechnology.eu.

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In den USA ein Thema für Hollywood, in Deutschland in allen Zeitungen vom Feuilleton bis zum Wissenschaftsteil: Die gesellschaftliche Debatte über Fracking kommt ins Rollen. In einer kleinen Serie beleuchtet die DECHEMA die Bedeutung von Schiefergas für die Bioökonomie, das Klima sowie Böden und Grundwasser. Heute schreibt hier Prof. Dr. Kurt Wagemann, Geschäftsführer der DECHEMA.

In den USA ein Thema für Hollywood, in Deutschland in allen Zeitungen vom Feuilleton bis zum Wissenschaftsteil: Die gesellschaftliche Debatte über Fracking kommt ins Rollen. In einer kleinen Serie beleuchtet die DECHEMA die Bedeutung von Schiefergas für die Bioökonomie, das Klima sowie Böden und Grundwasser. Heute schreibt hier Prof. Dr. Kurt Wagemann, Geschäftsführer der DECHEMA.

„Billiges Schiefergas macht die Chemie auf fossiler Basis noch wettbewerbsfähiger … und wird den biobasierten Produkten das Leben schwer machen!“ So könnte man auf den ersten Blick meinen. Ganz so simpel darf die Betrachtung aber nicht ausfallen. Das Beispiel der Kunststoffe zeigt, wie komplex die Zusammenhänge sind.

In den USA zeichnet sich in der Tat ein Schiefergas-Boom ab.  Das beeinflusst nicht nur die Produkte, die unmittelbar vom Methan abhängen (wie Wasserstoff und Methanol), und ist für alle energieintensive Prozesse von hoher Bedeutung. Das Schiefergas enthält auch die Begleitgase Ethan (0-11 %) und Propan (0-3 %) als Quelle der kurzkettigen Olefine. Die große Zahl der in den USA auf Erdgas-Basis betriebenen Cracker wird mit dem billigen Schiefergas insbesondere das Ethylen immer günstiger produzieren. Damit ist eigentlich die Situation klar für die Folgeprodukte Polyethylen, Vinylchlorid etc.: Die Zukunftsaussichten für Bioethanol als ihr Rohstoff dürften sich drastisch verschlechtern. Die Vorboten sind erkennbar: Dow und Solvay haben Projekte für PE- und PVC-Produktionsanlagen auf Bioethanolbasis in Brasilien schon verschoben beziehungsweise “on hold“ gesetzt.

Viele C3-Basischemikalien sind vom Propen abhängig. Dessen Preisentwicklung ist nicht ganz so eindeutig zu prognostizieren, da die europäischen Naphtha-Cracker einen höheren Propenausstoß haben und der Propananteil im Schiefergas nicht hoch liegt. Außerdem existieren bereits alternative Herstellungswege für Propen aus Ethylen oder Methanol, deren Preis durch das Schiefergas sinken wird.

Die Basis Nachwachsende Rohstoffe wartet dagegen mit zwei Wegen zu attraktiven Bausteinen auf: Glycerin kann unter anderem zu Epichlorhydrin umgesetzt werden (mittlerweile industriell etabliert von Solvay) oder auch zu Acrylsäure. Allerdings muss man die verfügbaren Mengen betrachten: Geschätzten 2-3 Mio. t Glycerin weltweit als Koppelprodukt der Biodieselproduktion stehen heute ca. 4,5 Mio. t Acrylsäureproduktion gegenüber. Die regionale Verteilung ist allerdings sehr ungleich.

Für den zweiten Weg über Milchsäure aus Glucose entfällt diese Limitierung. Die Milchsäure könnte prinzipiell klassisch chemisch zur Acrylsäure umgewandelt werden; gleichzeitig ist die Milchsäureproduktion heute schon für die Herstellung des Kunststoffs Polymilchsäure in großem Maßstab (mehr als 100.000 t) etabliert. Allerdings könnte es dieser Biokunststoff durch billigeres Polyethylen mit ähnlichem Eigenschaftsprofil im Verpackungssektor schwerer haben.

Bei C4- (Buten, Butadien, Butandiol, Bernsteinsäure) und C5-Bausteinen (Isopren, Lävulinsäure) stellt sich diese Diskussion nicht; Erdgas-Cracker liefern keine C4- und C5-Produkte im Gegensatz zu Naphtha-Crackern. Eine Verschiebung hin zu Schiefergas zu Lasten der Naphtha-Cracker würde sogar den Bedarf nach einem biobasierten Zugang eher stärken.

Und bei den Aromaten?

Es gibt derzeit eine ausreichende Produktion von Benzol (für Adipinsäure) und Xylol (für Phthalsäure und damit PET) auf der Basis von Erdöl. Billigeres Methanol könnte eventuell die Aromatenproduktion über das MtA (methanol-to-aromatics)-Verfahren wirtschaftlich machen.

Wozu also – derzeit relativ aufwändig – diese Verbindungen oder furanbasierte Alternativen auf Basis von C5- und C6-Zuckern produzieren? Werden die Verbraucher höhere Preise für „grünes PET“ zahlen, das ohnehin aufgrund seiner ausgezeichneten Recyclingfähigkeit ziemlich nachhaltig erscheint? Coca-Cola scheint dies so zu sehen und hat entsprechende Entwicklungen angestoßen.

Bei all diesen wirtschaftlichen Überlegungen darf man jedoch eines nicht vergessen: All die Argumente zum billigen Ethylen und seinen Folgeprodukten zählen nur sehr bedingt, wenn agrarpolitisch und versorgungsstrategisch motivierte politische Entscheidungen die Biokraftstoffproduktion unterstützen. Wenn Bioethanol aufgrund von Subventionen weiterhin billig und in großen Mengen verfügbar ist, bestimmt dies die Kraftstoffmärkte, nicht jedoch die Chemikalienmärkte, ganz erheblich. Andererseits entfällt durch den heimischen Schiefergas-Boom besonders in den USA das Argument der Unabhängigkeit von ausländischen Rohstoffen, das die Bioethanol-Förderung stark beeinflusst hat. Man darf gespannt sein, welche politischen Diskussionen daraus folgen werden.

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Die Forschung ist für Joachim von Braun ein wichtiges Element

Die Forschung ist für Joachim von Braun ein wichtiges Element

von Maximilian Enders, DECHEMA e.V.

Bioökonomie ist ein Stichwort, das besonders in den kommenden Jahren noch an Bedeutung gewinnen wird. Im Rahmen der ACHEMA 2012 stand am Montag eine Podiumsdiskussion im Zeichen dieses Themas. Dr. Georg Schütte vom Bundesministerium für Bildung und Forschung wies schon zu Beginn darauf hin, wie vielfältig die Bioökonomie eigentlich ist. Darunter fielen aus seiner Sicht zum Beispiel die biobasierten Kunststoffe und Bioraffinerien. Aber auch Begriffe wie Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit würden nach dazu gehören.

Beim Stichwort Nachhaltigkeit war auch Martina Fleckenstein vom WWF dabei. Für sie stellten sich vor allem die Fragen: „Wo bauen wir an, was bauen wir an und wie bauen wir an?“ Vor allem sei wichtig, wie ernsthaft die Nachhaltigkeit tatsächlich umgesetzt würde, da es für diese keine konkrete Definition gebe. Nachhaltigkeit zieht natürlich auch immer die Frage nach verantwortlicher Nutzung mit sich. „Integrierte Konzepte“ sind für Dr. Lutz Guderjahn aus dem Vorstand der CropEnergies AG wichtig. Dabei ging es ihm vor allem um die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen nicht nur zur Herstellung von Biokraftstoffen, sondern auch für weitere Produkte wie Nahrungsmittel oder Werkstoffe.
Die Nahrungsmittel waren ein Ansatzpunkt für Clemens Neumann vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV). Er sagte, die Priorität der Landnutzung müsse auf der Lebensmittelproduktion bleiben, um damit auch den Zugang zu Nahrungsmitteln sicherzustellen. Darauf müsse auch die Politik achten.

Besonders an Standards für die Bioökonomie fehle es noch, bemängelte der Agrarökonom Joachim von Braun von der Universität Bonn. Zwar sei die langfristige Preiserwartung für Produkte aus der Bioökonomie positiv, aber es müssten umfassende Fußabdrücke dieser erstellt werden; von der Herstellung über den Konsum bis zur Verwertung. Denn „der Verbraucher kann nicht entscheiden, wenn er nicht Bescheid weiß.“, erläuterte von Braun weiter.

Der Trend der stark zunehmenden Bioökonomie wird von zwei Faktoren getrieben, beschrieb Dr. Holger Zinke von der BRAIN AG die derzeitige und auch zukünftige Lage. Zum einen sei es die Verknappung der fossilen Ressourcen, zum anderen aber auch die Nachfrage nach biobasierten Produkten durch Industrie und Verbraucher. Und auf diesem Markt sei vor allem Wissen ein primärer Faktor, nicht so sehr die hergestellten Produkte. Daher forderte er für Deutschland, dass weiter in die Forschung investiert wird. Auch Neumann vom BMELV sah die Chancen vor allem darin, in die Forschung zu investieren und nicht zusätzliche Marktanreize mittels Förderungen in der Wirtschaft zu schaffen.

In einem waren sich alle Diskussionsteilnehmer aber einig: Der Verbraucher muss transparent und umfassend über die biobasierten Produkte informiert werden, um nicht wieder in die „E10-Falle“ zu tappen. Dabei könnte zum Beispiel ein „Grüner Engel“ helfen. Diese Zertifikate müssten laut Fleckenstein vom WWF aber auf freiwilligen Selbstverpflichtungen der Industrie beruhen. Sie warnte vor „Low Level Lösungen“ und plädierte stattdessen für hohe Standards mit Ökobilanzen, die die Flächennutzung, den Wasserverbrauch und viele weitere Faktoren umfassen. Auch soziale Praktiken in den Herstellungsländern müssten dabei berücksichtigt werden, ergänzte Schütte. Man müsse mit Hilfe des Siegels ein positives Image beim Verbraucher schaffen.

Zinke kritisierte, dass es in Deutschland und der EU vor allem an politischem Momentum fehle. In Amerika würden die CEOs der führenden Unternehmen ins Weiße Haus eingeladen, um konkrete Pläne zu besprechen. Das Fehlen dieser Anreize und der unzureichende Rahmen für biobasierte Produkte war auch Guderjahn ein Dorn im Auge. Wichtig sei es nach von Braun jetzt vor allem „keine Zeit zu verlieren.“

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