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Zum 1. Januar 2019 hat Dr. Klaus Schäfer, Chief Technology Officer von Covestro,  den Vorsitz der DECHEMA übernommen. Mit ihm und seinem Vorgänger Prof. Dr. Rainer Diercks, der das Amt seit 2013 innehatte, sprachen wir darüber, warum sie sich für die DECHEMA engagieren, welche Themen in der nahen Zukunft auf der Agenda stehen und warum eine gute Diskussionskultur wichtig ist.

Herr Diercks, Sie sind seit zwölf Jahren im Vorstand der DECHEMA und hatten die letzten sechs Jahre den Vorsitz inne. Was hat Sie bewogen, sich in der DECHEMA zu engagieren?

20181130 schäfer_diercks iRainer Diercks: Was mich an der DECHEMA schon immer begeistert hat, ist der originäre Gedanke der DECHEMA, nicht nur die anwendungsorientierten Disziplinen Chemie und Technik zusammenzuführen, sondern gleichzeitig auch eine Plattform für den Austausch zwischen industrieller und akademischer Forschung zu schaffen. Besonders in meiner Zeit als Student habe ich diesen Austausch sehr vermisst. Diesen Dialog fortzusetzen und weiter zu intensivieren, war und ist für mich ein wesentlicher Punkt für mein Engagement in der DECHEMA.

Daneben besteht aus meiner Sicht unverändert Handlungsbedarf bei der gesellschaftlichen Positionierung von Wissenschaft und Bildung. Sie sind die Basis für einen starken Forschungsstandort Deutschland. Hierzu kann die DECHEMA mit ihrer hohen disziplinübergreifenden Kompetenz wesentliche Beiträge leisten.

Herr Schäfer, ab dem 1.1. sind Sie der neue Vorsitzende der DECHEMA. Was ist Ihre Motivation?

Klaus Schäfer: Ähnlich wie Herr Diercks sehe ich die DECHEMA als Bindeglied zwischen universitärer Forschung und der Industrie. Wir haben in den nächsten Jahren viele Herausforderungen zu bewältigen. Nehmen Sie den Klimawandel – und das Schlagwort „Energiewende“ ist nur ein Aspekt, auch die Industrie wird weitere Beiträge leisten müssen – oder die Kreislaufwirtschaft Man kann beides unter dem Begriff „Nachhaltigkeit“ subsummieren. Um sie umzusetzen, bedarf es neuer technischer Lösungen.

Ich glaube, die DECHEMA kann da als Plattform und Vermittler zwischen den verschiedenen Disziplinen einen ganz, ganz wesentlichen Beitrag leisten, um diese Technologien verfügbar zu machen. In der öffentlichen Diskussion ist die DECHEMA als unpolitische Plattform hoch anerkannt, weil sie hochgradig sach- und faktenorientiert arbeitet. Das ist in der politischen Diskussion durchaus hilfreich, um Dinge voranzutreiben.

Wie kann die DECHEMA dazu beitragen?

dechema veranstaltungen 1-1Rainer Diercks: Indem sie dazu beiträgt, Diskussionen zu versachlichen. Viele gesellschaftsrelevante Themen basieren auf naturwissenschaftlich-technischen Fakten, aber die öffentliche Diskussion berücksichtigt diese nicht ausreichend. Da haben wir ein wirkliches Defizit in unserer Gesellschaft.

Was mir über die letzten Jahre sehr gut gefallen hat, sind die vielen Positionspapiere, die zu unterschiedlichsten Themen veröffentlicht wurden und die zur Versachlichung der Diskussion über viele gesellschaftlich relevante Fragen beitragen. Hier gibt es allerdings immer noch ein großes Defizit.

Ein Beispiel ist die Diskussion um den Diesel. Sie wird so geführt, als sei der Diesel in jeder Hinsicht nachteilig. Dabei ist Diesel immer noch ein Weg, CO2-Emissionen zu reduzieren, und die Probleme mit Stickoxiden sind technisch lösbar. Aber das höre ich in der öffentlichen Diskussion sehr wenig.

Werfen wir einen Blick auf die Fokusthemen – sind wir damit auf die nächsten fünf bis zehn Jahre vorbereitet, oder sehen Sie noch Lücken?

Rainer Diercks: Wir haben über die Fokusthemen intensiv diskutiert, und ich glaube, im Augenblick sind es wirklich die relevanten Themen – mir ist zumindest kein weiteres eingefallen. Ob sie fünf oder zehn Jahre Bestand haben werden, kann man heute nicht sagen, aber es sind sicher die Dinge, mit denen sich die DECHEMA auf absehbare Zeit beschäftigen sollte. Nehmen Sie die Bioökonomie; sie überschneidet sich mit dem Thema Rohstoffe, aber mit dem Schwerpunkt der Nachhaltigkeit bei der Rohstoffversorgung. Oder nehmen Sie die Chemie im Allgemeinen: Wenn in den Fernsehnachrichten über die chemische Industrie berichtet wird, sieht man Schornsteine, aus denen weißer Qualm kommt – das ist ein unvollständiges Bild der chemischen Industrie und trägt ihrer Bedeutung in keiner Weise Rechnung.

Wir müssen vermitteln, was wir machen und wie wir es machen, sonst besteht die Gefahr, dass das Image der Chemie wieder zurückfällt auf den Stand der 80er Jahre.

maxWas mir auch noch wichtig ist: Wir haben in diesem Land zunehmend Probleme, qualifizierten Nachwuchs zu rekrutieren. Vor diesem Hintergrund habe ich es sehr begrüßt, dass die DECHEMA mit dem DECHEMAX-Wettbewerb auch Aktivitäten für Schulkinder anbietet und so schon früh Begeisterung für naturwissenschaftliche Themen fördert. Das kann die DECHEMA nicht alleine machen, aber sie leistet einen Beitrag. Viele Unternehmen haben diesen Ansatz aufgegriffen, was ich sehr begrüße. Als Land, das auf hochqualifiziertes technisches und wissenschaftliches Personal angewiesen ist, brauchen wir solche Initiativen, um weiter erfolgreich zu sein.

Klaus Schäfer: Ich glaube, im Moment ist das Themenportfolio optimal. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, da wird sich die Welt weiter verändern. Insofern sollten wir vielleicht in drei Jahren einen Zwischenschritt machen und analysieren, wie die Welt sich entwickelt und ob die Aktivitäten noch dazu passen. Unser Haupttreiber muss immer die Frage sein, welche Themen die Welt bewegen und von der Gesellschaft gelöst werden müssen, um die Zukunft zu sichern. Aktuell – und nach meiner Meinung stärker denn je – ist das das Thema Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit bedeutet für mich, zu einer Lebensform zu finden, die man über sehr lange Zeit und viele Generationen fortführen könnte. Und da sind wir direkt beim Thema Rohstoffe, bei nachwachsenden Rohstoffen und der Bioökonomie und bei der Frage, wie sich Stoffe wiederverwenden und Kreisläufe schließen lassen. Technologieoffenheit ist dabei extrem wichtig. Man darf sich nicht auf irgendeine Inseltechnologie einschießen, sondern muss auch bis zur molekularen Zerlegung der Produkte und den Neuaufbau von chemischen Rohstoffen denken und dafür werben, dass solche Lösungen gesellschaftlich akzeptiert werden.

Wie muss die DECHEMA sich jenseits der Inhalte weiter entwickeln? Brauchen wir Kontinuität oder mehr Dynamik?

Rainer Diercks: Das eine schließt das andere nicht aus. Kontinuität ist wichtig, aber unter Berücksichtigung neuer Fragestellungen, für die wir technische Lösungen bieten können. Sprunghafte Wechsel sollte man nicht machen, aber trotzdem immer offen für neues sein. Die DECHEMA hat sich in den letzten Jahren meiner Meinung nach da schon gut positioniert.

Brauchen wir so etwas wie die DECHEMA überhaupt noch angesichts all der Möglichkeiten, die heute für Kommunikation zur Verfügung stehen?

Klaus Schäfer: Wenn wir die DECHEMA und auch die ACHEMA zusammendenken, geht es immer darum, Plattformen zur Verfügung zu stellen, wo sich Menschen treffen können, um zu diskutieren und Dinge weiterzuentwickeln. Ob das auf der Messe ist, wo sich Hersteller von Maschinen, Apparaten und Equipment mit denen treffen, die sie nachher betreiben, oder ob das auf Konferenzen zum Beispiel zum Thema Sicherheit ist, wo sich Menschen austauschen – ich glaube, dieses Zusammenkommen und Interagieren von Menschen ist die Grundvoraussetzung dafür, neue Dinge zu schaffen und voranzutreiben. Dass sich die Mittel und Wege dafür im Laufe der Zeit ändern, hat mit der Verfügbarkeit von Technologien zu kommen. Ich glaube aber, dass fortschrittliche Kommunikationstools eher ergänzend als ersetzend wirken können. Es kommt darauf an, diese Tools intelligent in das Vorhandene einzubinden.

Herr Diercks, was möchten Sie Ihrem Nachfolger mitgeben?

Rainer Diercks: Zunächst glaube ich, dass wir über die letzten Jahre einen Wandel in der DECHEMA gesehen haben. So hat sich in den Vorstandssitzungen eine ausgeprägte Diskussionskultur etabliert, die die DECHEMA meines Erachtens sehr bereichert hat. Hier möchte ich meinen Nachfolger bitten, diese Entwicklung fortzuführen.

Das Zweite, was mir am Herzen liegt, ist, sicherzustellen, dass Forschung und Technologie in der öffentlichen Diskussion nicht negativ wahrgenommen werden. Sie sind essentiell und begünstigen den Wohlstand in diesem Land nachhaltig – darauf darf man auf keinen Fall verzichten!

Herr Schäfer, was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?

Klaus Schäfer: Herr Diercks, Sie rennen mit Ihren Empfehlungen bei mir offene Türen ein. Ich glaube, dass man nur in einer Diskussionskultur und mit einer zeitweise auch kontroversen Diskussion gute Lösungen findet. Man muss natürlich aus der Diskussion wieder in eine Entscheidungsphase kommen, aber das kennen wir alle aus unseren Organisationen und Unternehmen, wo sich das in den letzten 15 oder 20 Jahren auch sehr verändert hat.

In Bezug auf die thematische Ausrichtung ist mir die Fortführung der sieben Fokusthemen sehr wichtig. Der Schwerpunkt muss immer darauf liegen, eine Plattform für Diskussionen und Austausch zur Verfügung zu stellen zwischen Industrie und Wissenschaft, zwischen Anwendern von Technologie und Firmen, die Technologie anbieten, ausgerichtet an dem, was die Welt braucht. Dazu werden wir mit der DECHEMA auch in Zukunft einen wertvollen Beitrag leisten.

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Bei der Podiumsdiskussion am DECHEMA-Tag wurden nicht nur Probleme diskutiert, sondern auch Lösungsansätze

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Prof. Dr. Robert Schlögl (MPI für chemische Energiekonversion), Dr. Werner Neumann (BUND e.V.), Dr. Jens Kanacher (innogy SE), Dr. Christoph Sievering (Covestro), Prof. Dr. Hans-Martin Henning (Fraunhofer ISE) und Dr. Georg Menzen (BMWi) diskutierten mit Prof. Dr. Kurt Wagemann über „Die deutsche Energiewende – wir schaffen das!?“

Wie gehen wir mit der Energiewende um? Das war eine zentrale Frage des DECHEMA-Tages am 31. Mai 2017. Sie betrifft nicht nur die gesamte Gesellschaft, sondern beschäftigt auch die Wissenschafts- und Technologie-Community. Jenseits der Entwicklung neuer Solarzellen oder der Standorte von Windrädern stellen sich Fragen nach der Integration der erneuerbaren Energien in die Sektoren Mobilität, Wärme und Produktion.

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Prof. Dr. Robert Schlögl (MPI für chem. Energiekonversion): „Systemische Probleme brauchen systemische Lösungen.“

Wie sind die technischen Voraussetzungen für die Energiewende? Robert Schlögl schätzt, dass die Zeitskala für ein neues Energiesystem bei etwa 20 Jahren liegen wird; fast alle Komponenten für den Transformationspfad seien vorhanden, sie müssten „nur“ noch zusammengefügt werden. Dem widersprach Georg Menzen vom BMWi. Die Bundesregierung fördert seit über 40 Jahren Energieforschung und diese Förderung sei heute um so wichtiger, denn viele der einzelnen Komponenten seien teilweise erst als Idee vorhanden.

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Dr. Christoph Sievering (Covestro Deutschland AG): „Die Flexibilität der Industrie wird in den Medien völlig überzeichnet.“

Was aber bis dahin tun? Häufig wird argumentiert, man könne dem volatileren Energieangebot durch den höheren Anteil an erneuerbaren Energien eine flexiblere Abnahme entgegensetzen und energieintensive Industrien als „Puffer“ nutzen. Dem widersprach Christoph Sievering von Covestro. Prozesse in der chemischen Industrie seien über Jahrzehnte auf Energieeffizienz getrimmt worden. Flexibilität ist eine völlig andere Aufgabenstellung. Die Potenziale für die Umsetzung werden medial überzeichnet; der notwendige lange Zeithorizont kollidiere mit den Vorstellungen der Gesellschaft, die die Energiewende zwar beschlossen, die Bedürfnisse der Industrie dabei aber wenig berücksichtigt habe. Hans-Martin Henning, Fraunhofer ISE, wies darauf hin, dass sowohl Lastverschiebung als auch Kurzzeitspeicher Grenzen haben. Elektrolyse könnte einen Ausweg bieten.

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Werner Neumann (BUND e.V.),: „Gesellschaftliche Fragen sind mindestens genauso wichtig wie technische.“

Wie weit reicht die Akzeptanz der Gesellschaft? Werner Neumann vom BUND schätzt sie
auf 90 % und sieht die Energiewende vor allem als gesellschaftliches Gemeinschaftswerk, an dem sich schon heute viele Kommunen und Bürger aktiv beteiligen. Doch der geäußerten Akzeptanz steht eine „not in my backyard“-Mentalität entgegen, die viele Projekte der Energiewende vom Windrad bis zur Stromtrasse erschwert oder blockiert. Und nicht nur für die Stromerzeugung und den Stromtransport ist gesellschaftliche Akzeptanz nötig. Denn wenn Elektrolyse oder CO2 in Verbindung mit regenerativem Strom als Grundlage für die Produktion von Kraftstoffen oder Chemikalien dienen soll, muss auch das CO2 transportiert werden. Alternativ wären evtl. Industriestandorte zu den CO2-Quellen zu verlagern. Beides ist ohne gesellschaftliche Unterstützung nicht machbar, genauso wie höhere Preise für Produkte, die unter CO2-Vermeidung erzeugt werden.

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Jens Kanacher (innogy SE),: „Um neue Business-Modelle zu ermöglichen, muss man einen Markt entstehen lassen.“

Und die erforderlichen höheren Preise sind so wahrscheinlich, wie eine weltweite CO2-Steuer bzw. teurere CO2-Zertifikate unwahrscheinlich sind. Ordnungspolitisch wäre eine CO2-Steuer nach Auffassung von Georg Menzen, BMWi, die einfachste Lösung. Die Akzeptanz dafür mag da sein, das Engagement der Bevölkerung allerdings nicht. Dabei wären Zertifikate nach Auffassung von Jens Kanacher, Innogy, zumindest geeignet, die Merit Order für Kraftwerke in die richtigen Bahnen zu lenken. Insgesamt sei Forschungsförderung zwar wichtig, allerdings sei ein Markt die Voraussetzung dafür, dass tragfähige neue Geschäftsmodelle überhaupt erst entstehen können. Werner Neumann, BUND, bemängelte, dass es einen echten Markt im Energiebereich bisher aufgrund falscher Weichenstellungen in der Vergangenheit nicht gebe. Er empfahl Deinvestments aus fossilen Energien; mit 1% des BIP sei die Energiewende finanzierbar – eine Zahl, die Hans-Martin Henning, Fraunhofer ISE, auf Basis eigener Rechenmodelle bestätigte.

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Dr. Georg Menzen (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie): „Wir brauchen eine europäische Lösung.“

Doch Deutschland ist keine Insel. Die Abwanderung der Solarenergie hat gezeigt, welche Gratwanderung zwischen der Entstehung eines freien Marktes und der Steuerung  besteht. Lösungen sind deshalb nur international, mindestens europäisch machbar. Jens Kanacher von Innogy plädierte dafür, alles, was heute schon möglich ist, zu elektrifizieren, dabei aber die Stromimporte zu reduzieren und internationale Standorte (z. B. für die Herstellung von E-Fuels) zu nutzen. Das funktioniert jedoch nur, wenn die Rahmenbedingungen überall gleich sind – und wenn alle Sektoren gleich behandelt werden. Dafür könnte eine CO2-Steuer sinnvoll sein.
Hans-Martin Henning, Fraunhofer ISE, wies auf die positiven Entwicklungen hin: Gewaltige Kostensenkungen sind für Photovoltaik, Windenergie und Wärmekonzepte für Gebäude bereits erreicht worden. Günstige Komponenten der Leistungselektronik müssten der nächste Schritt sein.

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Dr. Hans-Martin Henning (Fraunhofer ISE): „Der Umstieg passiert nicht von alleine. Wir sollten nicht nur über Kosten reden, sondern auch über Chancen.“

Dass das Thema Energiewende komplex bleibt, zeigte auch die abschließende Diskussion mit dem Publikum. Was ist für die Biodiversität und die Vogelwelt schlimmer – Klimawandel oder Windräder? Ist Geld zur Erreichung kurzfristiger Klimaziele gut angelegt, oder sollte es lieber in langfristige Technologieentwicklung fließen? Wohin führt der Kohleausstieg – zu mehr Abhängigkeit von Gasimporten oder Methanförderung in der Tiefsee? Am Ende blieb die Erkenntnis, die Robert Schlögl in einem Satz zusammenfasste: „Die Energiewende scheitert nicht an den Chemikern und auch nicht an den Technologen, sie scheitert an der Gesellschaft.“ Diese gesellschaftliche Diskussion, auch generationenübergreifend, weiterzuführen, bezeichnete Kurt Wagemann in seinem Schlusswort als Aufgabe für die DECHEMA.

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